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AUSSTELLUNGSORTE:
Schloss Holdenstedt
Do - Sa 14.30 - 17.00 Uhr
So 11.00 - 17.00 Uhr
und an Feiertagen, außer Karfreitag
Galerie im Theater an der Ilmenau
Sa 15.00 - 18.00 Uhr
So 11.00 - 13.00 & 15.00 - 18.00 Uhr
sowie während der Veranstaltungen
Atrium des Neuen Rathauses
am Herzogenplatz

Mo - Mi 8.00 - 17.00 Uhr
Do 8.00 - 18.00 Uhr
Fr 8.00 - 12.00 Uhr
Sa 9.00 - 12.00 Uhr
AKTUELLE AUSSTELLUNG
Muße. StudentInnen der HBK Braunschweig

13.05. - 18.06.2017
Eröffnung am Samstag den 13.05. um 17:00 Uhr

Schloss Holdenstedt, Uelzen



v.l.n.r. Rui Zhang, Jonas Maaßberg, Fanny Doberauer, Hannes Wilke, Christian Scholz, Alexander Mick, Marilena Raufeisen, Tim Albrecht, Strahinja Skoko und Felix Koberstein.
Am Arbeitsplatz von Albrecht/Wilke im Atelier der Klasse Ellenrieder



Albrecht Wilke "Wimbledon", 2017; Öl u. Acryl auf Leinwand; 170 cm x 140 cm


Alexander Mick, "KANO I", 2016; Lithografie; 53 cm x 38 cm


Fanny Doberauer, aus der Serie "Die Anderen", 2017; Porzellan; 21 x 30 cm


Marilena Raufeisen, ohne Titel (Fliederfest), 2017; Sechs Keilrahmen, Holzkeile, Beize; 80 × 100 × 90 cm


Rui Zhang, "Not A Image", 2016; Sieb- u. Stempeldruck, Acryl, Pastell u. Buntstift auf Papier; 78 × 116 cm




Muße. StudentInnen der HBK Braunschweig

Mit Tim Albrecht/Hannes Wilke, Fanny Doberauer, Alexander Mick, Marilena Raufeisen, Christian Scholz, Strahinja Skoko, Rui Zhang Kuratiert von Felix Koberstein und Johannes Maaßberg

Von Lydia Korndörfer


Mit der Ausstellung „Muße. StudentInnen der HBK Braunschweig“ präsentiert der Kunstverein Uelzen im Schloss Holdenstedt acht junge Künstlerinnen und Künstler aus der Klasse von Prof. Wolfgang Ellenrieder, die an der Hochschule der Bildenden Künste in Braunschweig studieren. Im Sommer 2016 waren sie den Leitern des Kunstvereins wäh-rend des jährlich stattfindenden Rundgangs ins Auge gefallen. Für Uelzen ist eine große Freude, diesen jungen Talenten – Tim Albrecht und Hannes Wilke, Fanny Doberauer, Alexander Mick, Marilena Raufeisen, Christian Scholz, Strahinja Skoko und Rui Zhang – nun eine Ausstellung zu widmen.

Auf zwei Geschossen können derzeit Kunstwerke bewundert werden, die sich mit dem Thema ‚Muße‘ auseinandersetzen. Zum Müßiggang sollte bereits der Ausstellungsort – ein im Barock errichtetes Lustschloss – einladen. Es sollte eben nicht den repräsentativen Pflichten, sondern dem Vergnügen dienen. Diesen Pfad haben die Kuratoren und Künstler aufgenommen. Sie stellen die Frage nach der heutigen Bedeutung von Muße – für das persönliche Leben und für die Kunst.

Müßiggang wurde nicht zuletzt im Zuge der Industrialisierung als Gegensatz zu Produktivität und Arbeit zum Laster stilisiert. Erst seit wenigen Jahrzehnten zeichnet sich eine Wende ab. Die Muße wird erneut zur Tugend erkoren, jedoch allzu oft unter falschen Vorzeichen: Firmen wie Google richten Büros ein, die zum Müßiggang einladen sollen und tun dies vor allem mit dem Kalkül, persönliche Ressourcen ihrer Mitarbeiter abzugreifen, Kreativität zu erzeugen und die Arbeitskraft zu steigern. Eine Kreativindustrie hat sich entwickelt. Muße wird als Ressource erschlossen.

Was verstehen wir also heute unter Müßiggang? In welchem Maße kann Muße herbeigerufen werden? Inwiefern ist sie erforderlich für die Kunst? Einen schönen Einblick in die dialektische Geschichte der Muße geben die Kuratoren Felix Koberstein und Johannes Maaßberg – ebenfalls Studenten an der HBK – in der ausstellungsbegleitenden Publikation. Eine passende Einführung bilden auch die Exponate der Uelzener Bürgerinnen und Bürger, die dank des Heimatmuseums Uelzen dauerhaft im Schloss zu sehen sind. Es sind Zeugnisse der Müßiggangs, kleine Artefakte, denen die künstlerischen Positionen gegenüberstehen.

Der Rundgang beginnt im Untergeschoss mit Arbeiten von Rui Zhang. Ihre kräftig farbigen Gemälde und Zeichnungen vereinen Symbole und Zeichen verschiedener Kulturen. Zuweilen verraten sie die Herkunft der jungen Künstlerin, die in China aufwuchs. Ihre Arbeiten lassen sich als offene Bücher verstehen: Sie ermöglichen es, die verschiedenen Einflüsse nachzuvollziehen, die die Künstlerin bis heute geprägt haben – so beispielsweise Gedichte Georg Trakls und Darstellungen alter chinesischer Waffen. Im stillen Monolog verarbeitet die Künstlerin ausgewählte Zeichen und fügt sie zu komplexen Malereien zusammen. Damit vertritt sie eine Position, die Muße im Sinne von Bildung, Aneignung von Kultur und Reflexion vorführt.

Ähnlich – jedoch im Dialog – arbeitet auch das Künstlerduo Albrecht/Wilke. Seit etwa zwei Jahren malen Tim Albrecht und Hannes Wilke zusammen an ihren Bildern. Den barocken Saal im Obergeschoss des Schlosses haben sie für die Ausstellung in ein Kabinett der Popkultur verwandelt: Einflüsse aus Film, Mode, Sport, Musik und Werbung lassen sich erkennen. Eine Wunderkammer der bunten Gegenwart breitet sich aus. Es ist eine freudige Malerei, die trotz ihrer Energie vor Augen führt wie Kunst dem Innehalten und Verarbeiten des täglichen Lebens dienen kann.

Weniger als Pause, sondern vielmehr als geistige Inseln und Ausflüchte sind die Arbeiten von Strahinja Skoko und Alexander Mick angelegt, die im angrenzenden Raum zu sehen sind. Beide Künstler blicken auf ferne und zugleich vertraute Orte. Sie verfolgen einen sehr persönlichen Ansatz und thematisieren in ihren ernsthaften künstlerischen Arbeiten nicht zuletzt das Privileg von Muße und Freiheit.

Bei Alexander Mick lassen sich Sehnsuchtsorte und romantische Landschaften erken-nen, doch es werden auch hart arbeitende Bauern gezeigt. Die Motive verweisen auf Micks familiären Ursprung und die Probleme der ‚Russlanddeutschen‘. Neben den figürlichen Darstellungen ziehen sich mit der Hand beschriebene Papierbahnen über die Wand. Zu lesen ist der Text „Wie ich Kunstkritiker wurde" (Dez. 1952) von Herbert Read. Die Statements des britischen Schriftstellers und Philosophen zu den kurzen Zeitspannen, die im Alltag kreatives Schaffen zulassen, hat Mick verinnerlicht, indem er seine Freizeit mit dem Abschreiben des Textes verbrachte.

Strahinja Skoko treibt das Spiel weiter und reflektiert mit seinen Kohlezeichnungen über die Abwesenheit von Muße – eine Extremsituation für jeden Künstler, die im Anbetracht der aktuellen politischen Krisen für viele Realität bedeutet. In der Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsort stieß Skoko auf die Tatsache, dass in Uelzen während des Nationalsozialismus ein Arbeitslager errichtet wurde. Er orientiert sich an den Zeugnissen von damals inhaftierten Künstlern und widmet sich der Frage, was passiert, wenn Kunstschaffen nicht nur Freiheit von der Arbeit, nicht nur Muße, sondern Überlebensstrategie bedeutet.

Doch auch abseits von Notsituationen, ist Kunst nicht immer mit Muße gleichzusetzen. Was passiert, wenn Kunst selbst als Arbeit begriffen, beispielsweise als Abarbeiten an einem Material, führt Christian Scholz vor Augen. Ausgestellt sind Acrylglaspanele, die Scholz wie Druckplatten behandelt. Die ornamentale Bearbeitung hat sich tief in das Kunstglas eingeschrieben und lässt den mühsamen Arbeitsprozess nachvollziehen. Auch Fanny Doberauers Arbeit im Untergeschoss weißt auf diese Auseinandersetzung zwischen Künstler und Material hin: Auf dem Boden liegen handgefertigte Keramikfliesen. Im Produktionsprozess sind sie gesprungen und breiten sich nun als weiße verletzliche Fläche aus. Doch sie zeugen nicht nur vom ‚Kampf‘ der Künstlerin mit dem Material. Vielmehr können sie auch als Sinnbild für den zerbrechlichen Status quo eines friedlichen Europas gelesen werden – für das dünne Eis, auf dem wir uns derzeit bewegen und das große Geschenk, in Freiheit Kunst und Denkräume schaffen zu können.

Eine ähnliche Szenerie entfaltet sich im Raum darüber, wo Marilena Raufeisen den Boden mit einem metallenen Gittergewebe bedeckt hat. Die Besucher sind dazu angehalten, darüber zu laufen und ihr Bewusstsein zu schärfen, denn die minimalistisch anmutende Installation – die formal deutlich auf das Werk von Carl Andre referiert – verweist auf einen konkreten politischen Hintergrund und einen Zustand jenseits der Muße: Die Künstlerin hat eine vier Meter hohe Mauer aus Gabionen zum Anlass genommen, die 2016 als Lärmschutz um eine Asylbewerberunterkunft in München errichtet wurde und einen Ausschnitt dieses Konstrukts auf dem Boden ausgebreitet. Beim Darüberschreiten lassen sich die Grenzen der Freiheit unmittelbar erspüren.

Auch in einer anderen Arbeit führt Marilena Raufeisen den Betrachter auf den Nullpunkt der Inspiration zurück und verlangt seine geschärfte Aufmerksamkeit: An der Wand sind aufgefächerte Keilrahmen angebracht, daneben stehen abstrahierte und monochrome Bildflächen, die vor der gleichfarbigen Wand beinahe verschwinden. Sie verweisen auf das Grundgerüst der Bilder – Keilrahmen und Leinwand – jedoch ohne abzubilden. Nicht zuletzt richten sie den Blick auf das, was auch die Besucher trotz der Kunstwerke nicht übersehen sollten – nämlich die Ausstellungsräume des kunstvoll erbauten Schloss Holdenstedts.

Lydia Korndörfer

Lydia Korndörfer: Muße. StudentInnen der HBK Braunschweig (pdf)


Fotos zur Eröffnung am 13.5.2017
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